120 Jahre SPD Kaufbeuren

Rotes Kaufbeuren

Der Weg durch Kaufbeuren

Heimatmuseum -

Karl Petrich
SPD-Stadtrat und Mit-Initiator des Ganghofer-Museums

Karl Petrich verfasste die Festschrift zum 60jährigen Gründungsjubiläum der SPD in Kaufbeuren. Wir befinden uns bereits in der Zeit des I. Weltkrieges. Die Wahlen standen im Zeichen des sog. Burgfriedens. Zwischen den drei Parteien in Kaufbeuren (Sozialdemokraten, Zentrum und Liberale) kam folgende Einigung zustande: Die Sozialdemokraten hatten nun statt einem Sitz zwei Sitze inne. Ersatzmann war bereits Karl Petrich. In der Zeit von 1900 bis 1914 war die Kaufbeurer SPD sehr aktiv in ihrer Mitgliederpflege. Am 16. Dezember 1900 wurde das örtliche Gewerkschaftskartell gegründet. Es traten damals etwa 6 Organisationen mit über 100 Mitgliedern bei. Die Gewerkschaften nahmen bis zum 2. März 1933 eine gute Entwicklung in Kaufbeuren - bis diese aufgelöst und ihr Besitz beschlagnahmt wurde.

Ein neu gegründeter Konsumverein fiel ebenfalls den Nationalsozialisten zum Opfer.

Der frühere Gesangverein Senefelder wurde in einen Volkschor umgebildet, eine Freie Turnerschaft wurde gegründet, die fast alle Sportarten pflegte. Die örtliche Gewerkschaftsbücherei wurde 1933 von den Nazis gewaltsam übernommen und vernichtet.

Zur Zeit der Weimarer Republik gründete sich ein Verein der Arbeiterwohlfahrt, eine Gewerkschafts-Musikkapelle stand zu dieser Zeit unter Leitung von Bruno Göschl.

Am Breiten Bach 31

Die Revolution von 1918 war auch an Kaufbeuren nicht spurlos vorbei gegangen. SPD-Genosse Rasig wurde zunächst Stadtkommandant. Es wurde zudem ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Johann Baur (SPD) wurde zum Magistratsrat ernannt, ein bürgerlicher Vertreter musste dafür sein Amt aufgeben.

Als Prof. Dr. Bernhard Rost, Archivleiter der Stadt Chemnitz und Freund Ludwig Ganghofers kurz nach dem Tode von Ludwig Ganghofer (24.7.1920) nach Kaufbeuren kam um festzustellen, welche Erinnerung es in der Geburtsstadt des später meistverfilmten deutschsprachigen Romanautors gibt, musste er feststellen, das es eine solche noch nicht gibt. Prof. Rost konfrontierte daraufhin den parteilosen Bürgermeister Dr. Georg Volkhardt mit dem Anliegen, eine Ganghofer-Erinnerungsstätte in Kaufbeuren zu errichten. Aus dem seinerzeitigen Stadtrat war es lediglich Karl Petrich, örtlicher SPD-Vorsitzender und SPD-Fraktionschef im Stadtrat, der aktiv das Anliegen von Prof. Dr. Bernhard Rost unterstützte. Diese Tatsache bringt Prof. Dr. Rost auch in seinem Büchlein Ludwig Ganghofer und seine Vaterstadt Kaufbeuren aus dem Jahre 1925 zum Ausdruck. Karl Petrich, SPD ist auch auf dem offiziellen Foto anlässlich der Einweihung des Ganghofer-Zimmers im Heimatmuseum vom 7. 7. 1928 zu sehen.

Erlauben sie mir an dieser Stelle einen kleinen literarischen Ausflug zu Ludwig Ganghofer und sein Verhältnis zur SPD im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert: Ludwig Ganghofer schreibt selbst, dass er sich um 1880 in München und Berlin immer wieder - auch in radikalen - sozialdemokratischen Kreisen aufhielt, eine Bekehrung zu dieser neuen Bewegung - wie er schreibt - gelang jedoch nicht. Wenn man die ausführliche Begründung hierfür im Lebenslauf eines Optimisten dafür jedoch liest, lehnte Ludwig Ganghofer die damals noch klassenkämpferische Ideologie der Sozialdemokratie ab. Wenn man allerdings Ludwig Ganghofers Sozialstaatsutopie aus dem Jahre 1878, veröffentlicht zwischen 1909 und 1911, fein analysiert, kommt man auch aus der Sicht des beginnenden 21. Jahrhunderts nicht umhin, einen sozialreformerischen Ludwig Ganghofer (Forderung nach Kinder- und Erziehungsgeld, Hausfrauenlohn, gleiche Bildungschancen für alle, gerechter Lohn, Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand,Total-Enteignung der Bergwerk-Industrie, die Schlüsselindustrie des 19. Jahrhunderts... u. v. a.) erkennen zu müssen. Ludwig Ganghofer stellte damit Forderungen auf, die teilweise heutzutage noch nicht realisiert sind (vgl. Hausfrauenlohn, Enteignung) und wohl utopisch bleiben.

Interessant ist dabei, das Ludwig Ganghofer sein Schauspiel Die Hochzeit von Valeni 1889 zusammen mit dem rumänischen Sozialisten, Schriftsteller, (SPD-Zeitschrift Zeitgeist-) Journalisten Marco Brociner (1852 - 1942) herausgeben sollte. Dieses Gemeinschaftswerk wurde gleichsam Ludwig Ganghofers allererste Stumm-Verfilmung im Jahre 1912. Marco Brociner war und blieb seit Ludwig Ganghofers frühen Studententagen nach 1875 ein enger Freund des Kaufbeurers.

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